Das kann runterziehen aber helfen

Dann erzähle ich mal meine Geschichte.
Im Jahr 1998 hörte ich nach langen Jahren mit dem trinken auf.
Ich hatte alle Stationen eines Trinkers hinter mir, bis zu einem Leben ohne Obdach.
Gleich nachdem ich mit der Sauferei Schluss gemach hatte, begann ich zu arbeiten.
Erst begann es damit, dass ich morgens im berliner Berufsverkehr Tageszeitungen verkaufte.
Um 7.00 begann ich einen Job auf einer Baustelle bis zum Abend.
Ich war sparsam mit meinem Geld und konnte mir schnell wieder eine Wohnung einrichten und ein Auto kaufen.
Dann las ich ein Annonce zu einem Jobangebot.
Es stellte sich heraus, dass es darum ging Staubsauger zu verkaufen.
Ich dachte mir, Du musst nicht mehr so schwer arbeiten, trägst einen Anzug und verdienst gutes Geld. Warum denn nicht?
Entgegen den Erfahrungen Vieler lag mir das Verkaufen sehr gut und ich hatte großen Erfolg.
Schon im dritten Monat stand auf meinem gehaltscheck der stolze Betrag von 12.000 DM!
Ein paar Monate vorher hatte ich noch auf der Straße gelebt....
Das machte mir Spaß.
Mit dem Verkaufen von Staubsaugern hörte ich bald auf, als ich merkte, dass die meisten Leute sich so ein Ding überhaupt nicht leisten konnten und in harte Finanzierungen gedrängt werden sollten.
Es kostete mich bei einem Kunden mal 2 Stunden, ihm den Kauf wieder auszureden.
Beim Ausfüllen des Kreditantrages, stellte sich heraus, dass der arme Kerl schon von verschiedenen andren Stellen schwer abgezockt worden war.
Am nächsten Tag kündigte ich.
Hier wurde auch extreme Leistung abverlangt.
Staubsauger verkaufen ist harte Arbeit für die man ein extrem hohes Frustrationslevel braucht.
Selten endete ein Tag unter 16 Stunden. 6 Tage die Woche und Sonntags Haushalt und Schreibkram.
Schon eine Woche später hatte ich einen Vorstellungstermin bei einer großen Berliner Tageszeitung.
Sie suchten jemand der den Vertrieb dieser 14 tägigen Probeabos übernahm.
Innerlich stark von meinen großen Erfolge beim Verkauf bewarb ich mich und bekam den Job.
Ich wurde komplett auf Provisionsbasis bezahlt.
Auch hier hatte ich sofort Erfolg. Ich hörte am Ende vom Vertriebsleiter, dass vor mir noch keiner diese Leistungen erbracht hätte.
Auch hier fand die Arbeit kein Ende.
6 bis 7 Tage in der Woche und jeden Tag von früh um 6.00 bis Minimum 21.00.
Aber ich verdiente jede Menge Geld und das war mir zu dieser Zeit extrem wichtig.
An guten Tagen 1.000 DM nach Steuern!
Irgendwann konnte ich nicht mehr.
Ich gab alles auf und bin nach Köln geangen.
Doch hier tickten die Uhren anders und ich kam wirtschaftlich nicht auf die Beine.
Irgendwann kamen Geldsorgen, die Kohle von früher hatte ich mit vollen Händen ausgegeben und der Stress ging weiter.
Nach 9 Monaten verließ ich Köln wegen einem Job in Norddeutschland.
Ich übernahm drei Fillialen einer Handelsvertretung in Bremen, Hamburg und Hannover.
Am Ende hatte ich für Nichts gearbeitet und trat einen Job als Außendienstler in der Landwirtschaft in Bremen an.
Um die entstandenen finanziellen Löcher zu stopfen, half ich am Abend und Samstags bei einem Bekannten im Ingenieurbüro aus.
Sonntags Haus und Garten.
Ich verdiente wieder gut, konnte aber immer öfter nicht mehr.
Auf meinen Touren war ich mein eigener Chef und in den Essenspausen musste ich mich im Auto eine halbe Stunde hinlegen, sonst hätte ich nicht weiter fahren können.
Eines Morgens wollte ich die Autotür aufschließen und mir begannen die Knie zu zittern vor Angst, vor den großen Anstrengungen des Tages.
Nach außen hin war ich immer Hans Dampf in allen Gassen.
Ich schrieb gute Umsatzzahlen, die Bauern mochten mich und ich bekam viel Lob für meinen Fleiß.
Aberr sobald die Wohnungstür hinter mir ins Schloß fiel, sackte ich förmlich in mich zusammen.
Ich wollte dann nur noch eine Tüte rauchen und ins Bett.
Daraus wurde aber oft auch nichts, weil meine Ex am Abend irgendeinen Streit vom Zaun brach oder wieder mal der Kühlschrank leer war, obwohl sie nicht arbeitete und der Edeka nur 500 m entfernt war.
Eine zeitlang habe ich mir noch eingeredet ich bin urlaubsreif, ich arbeitete ja auch wie ein Pferd, doch nach meinem Urlaub, ging es mir am ersten Arbeitstag um 10.00 schon so schlecht, wie am letzten Tag vor dem Urlaub.
Eines Morgens stand ich im Badezimmer und konnte es, unter Aufbringung meines gesamten Willens nicht fertig bringen mir die Zähne zu putzen!
Da ließ ich mich krankschreiben.
Das Ende ist schnell erzählt.
Ich machte eine lange Ärzteodysee durch, bekam am Ende die richtigen Medikamente und war 1,5 Jahre völlig hinüber.
In dieser Zeit musste ich auch noch eine Trennung durchmachen, die mich extrem belastete.
Da hätte ich mir fast das Leben genommen.
Heute habe ich gelernt meine Grenzen zu akzeptieren. Meistens jedenfalls.
Etwas später werde ich noch etwas genauer schreiben, wie es für mich hinausging aus dieser dunklen Zeit.
Heute ist es spät und ich bin müde.
Gute Nacht....


